Radioaktivitätsbelastung in Wild
Untersuchungsergebnisse
Einleitung
Nach dem Unfall von Tschernobyl im Jahre 1986 wurden Teile von Baden-Württemberg durch radioaktiven Fallout kontaminiert. Die Kontaminationen durch luftgetragene radioaktive Aerosole verteilten sich jedoch nicht gleichmäßig über das Bundesgebiet, sondern waren - verursacht durch unterschiedlich starke Regenfälle und der damit einhergehenden Auswaschung aus der Luft - im Süden des Landes höher als im Norden, wobei die Maxima im Südosten auftraten. In den von der LUBW - Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg - herausgegebenen Berichten werden Messungen aus dem Land veröffentlicht und auf den Einfluss des Unfalles auf die Messwerte hingewiesen. In vielen Bereichen sind die Kontaminationen soweit zurückgegangen, dass sie heute nicht mehr nachweisbar sind. Umgekehrt gibt es jedoch einige Bereiche, die bis heute deutlich erhöhte Messwerte liefern, die noch auf den Unfall zurückgehen. Hierzu gehört unter anderem Wild und hier besonders Reh- und Schwarzwild. Der Grund hierfür liegt in den Futtergewohnheiten der Tiere, insbesondere dann, wenn zum Futter Pilze gehören. Im Gegensatz zu anderen Pflanzen sind Pilze in der Lage, unter anderem Lignin - das Strukturmaterial des Holzes - zu zersetzen, wodurch sie - über die chemische Ähnlichkeit von Cäsium mit dem natürlich vorkommenden Kalium - Zugang zu einem größeren Cäsium-Reservoir als andere Pflanzen haben.
Schon früh lagen Erkenntnisse über die Belastung von Rehen in den verschiedenen Regionen von Baden-Württemberg vor. Für den am stärksten betroffenen Raum Oberschwaben wurde die dortige Hochschule Ravensburg-Weingarten mit einem Sondermessprogramm zu diesem Thema beauftragt. Für Rehwild liegen Messreihen von 1987 bis 2005 vor. Sie zeigen, wie sich der Verlauf der Belastung in den Jahren verändert hat.
Messergebnisse der Cs-137 - Belastungen von Wild
Als ein Ergebnis des langjährigen Messprogrammes wird in Abbildung 1 die Kontamination von Rehwild aus Ochsenhausen dargestellt.

Abb. 1: Geometrische Halbjahresmittelwerte der Kontamination von Rehwild aus Ochsenhausen mit Cäsium-137 von 1987 bis 2005
Zwei Fakten fallen sofort auf: die Kontamination im zweiten Halbjahr liegt generell höher als im ersten, und insgesamt nimmt die Kontamination von 1987 bis etwa 1996 gleichmäßig ab. Anscheinend führt die Äsung von Pilzen im zweiten Halbjahr zum Anstieg der Cs-137-Aktivität im Fleisch. Durch Zerfall des Nuklides (Halbwertszeit 30 Jahre) muss dessen Aktivität in der Umwelt abnehmen, solange nicht neue hinzugefügt wird. Die effektive Halbwertszeit im Fleisch in den Jahren 1986 bis 1996 betrug dagegen etwa 1,9 Jahre, d.h. der biologische Abbau im Muskelfleisch (Ausscheidung) sowie in geringerem Maße auch der anfangs noch bestehende allgemeine Verdünnungseffekt führen zu einer schnelleren Abnahme der Kontamination. Trotzdem liegen heute die Werte im Mittel noch bis zu einigen 100 Bq/kg. Seit 1996 scheint mehr oder weniger ein Gleichgewicht zwischen Aktivitätszufuhr und -abbau zu herrschen, das hauptsächlich durch die Aufnahme über die Äsung und - wegen der relativ kurzen Verweilzeit (im Vergleich zur Halbwertszeit) im Körper der Tiere - die Ausscheidung bestimmt wird. Der Aktivitätsgehalt im Fleisch bleibt demnach quasi im Gleichgewicht mit dem im Boden verfügbaren Cäsium (Halbwertszeit ca 8,7 Jahre). Dieses nimmt dort jedoch wegen der guten Fixierung nur langsam ab, so dass der radioaktive Zerfall erst allmählich dominiert.
Abbildung 2 zeigt für den Zeitraum 1997 bis 2008 beispielhaft alle Werte für Wildschweine aus dem Landkreis Ravensburg.

Abb.2: Cäsium-137 in Wildschweinen aus dem Landkreis Ravensburg von 1997 bis 2008
Auffallend ist die signifikante Zunahme der Kontamination im Fleisch von Wildschweinen im Jahre 2003. Die Bodenkontamination fiel in Oberschwaben höher aus als im restlichen Gebiet von Baden-Württemberg, so dass auch die Kontamination von Wild - sowohl Rehe als auch Wildschweine - in Oberschwaben höher liegt. Für das Jahr 1999 liegen aus dem Raum Oberschwaben keine Werte für Schwarzwild vor. Je nach klimatischen Bedingungen liegen die Mittelwerte der einzelnen Jahre verschieden hoch, nach den o.a. Überlegungen müssten sie mindestens mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren abnehmen. Man sieht, dass heute überwiegend die Klima- und Vegetationsbedingungen eines Jahres über das Pflanzenwachstum und das Fressverhalten der Tiere die Höhe der Kontamination im Wildfleisch bestimmen. Ob nun zur Erklärung der hohen Kontaminationen von Schwarzwild in Oberschwaben nur der extrem heisse Sommer 2003 herangezogen werden kann, ist zweifelhaft, da der Maximalwert von 8.266 Bg/kg bereits im Februar gemessen wurde. Vielmehr könnte der Anstieg auch daher rühren, dass sich die Tiere wegen des Ausfalls von Eicheln und Bucheckern schon ab Herbst 2002 verstärkt von Pilzen (Hirschtrüffeln) und Wurzeln ernährt haben, die im Boden das Cäsium-137 angereichert haben. Die Aussage, dass Wild aus Oberschwaben stärker kontaminiert ist als jenes aus dem Rest von Baden-Württemberg, gilt jedoch für alle untersuchten Jahre.
Im Jahr 2005 war rund ein Drittel der untersuchten Wildschweinproben aus Oberschwaben mit mehr als 600 Bq/kg Cäsium-137 belastet, im Jahr 2007 dagegen weniger als 5%. Die Zahl 600 Bq/kg hat eine besondere Bedeutung, da sie als Empfehlung für die Vermarktung u.a. auch von Wildfleisch von der Europäischen Kommission festgelegt ist. Das Fleisch dieser höher belasteten Tiere wird nicht vermarktet.
Die Ergebnisse sind keineswegs eine Besonderheit von Baden-Württemberg, die Verhältnisse sind mit denen anderer Bundesländer vergleichbar. Beispielsweise sind in Bayern Gebiete mit noch höherer Kontamination zu finden, während im Norden Deutschlands die Werte verhältnismäßig niedrig liegen.
Zusammenfassung
Nach dem Unfall von Tschernobyl fanden sich in Wild aus Baden-Württemberg hohe Kontaminationen von Cs-137, die bei Rehen im Raum Oberschwaben im Mittel Werte bis nahe 1000 Bq/kg erreichen konnten. Diese nahmen von 1986 bis 1996 mit einer effektiven Halbwertszeit von etwa 1,9 Jahren ab, seitdem hat sich ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Aktivitätszufuhr (Äsung) und -abbau (Ausscheidung) eingestellt. Wildfleisch aus dem Raum Oberschwaben weist auch heute noch höhere Kontaminationen auf als im restliche Landesgebiet, auch wenn der Unterschied zwischen den einzelnen Jahren Schwankungen unterworfen ist. Der Richtwert von 600 Bq/kg, oberhalb dessen das Fleisch nicht mehr verzehrt werden soll, wird vereinzelt immer noch überschritten, in Oberschwaben häufiger als im restlichen Baden-Württemberg. Besonders auffallende Messergebnisse traten bei Schwarzwild auf. Ein stetiger Rückgang wie beim Rehwild lässt sich hier nicht feststellen. Die Messungen an Wildschweinen speziell aus Oberschwaben wurden deshalb bis 2008 fortgesetzt.
Aktueller Hinweis:
Der im Jahr 2007 gemessene Spitzenwert betrug 5872 Bq Cs-137/kg bei einem Wildschwein aus dem Kreis Leutkirch. Es wurden aber ebenso Schwarzwildproben gemessen, die nahezu frei von Radiocäsium waren. Ein reiches Angebot von unbelasteten Waldfrüchten, Bucherckern etc. führten beispielsweise dazu, dass weniger Cäsium-137 aufgenommen wird. Die im Jahresverlauf zurückgegangenen Messwerte machen dies deutlich. Sobald die Wildschweine aber in Mangelzeiten wieder stärker auf Nahrungsangebote im Boden wie z.B. die noch mit Cäsium-137 belastete Hirschtrüffel ausweichen müssen, kann die Cäsiumkonzentration im Wildschweinfleisch auch wieder ansteigen.
Durch ein Überwachungsprogramm der Landesregierung soll sichergestellt werden, dass nur Wildschweinfleisch mit Cäsiumgehalten unterhalb des Grenzwertes (600 Becquerel pro kg) in den Handel gelangt.
Das CVUA Freiburg bereitet die Ergebnisdaten zentral für Baden-Württemberg auf und veröffentlicht diese monatlich aktualisiert unter www.untersuchungsaemter-bw.de.
Das Landesgesundheitsamt hat 2005 mit Unterstützung ausgewählter Gesundheitsämter und der LUBW die Cäsium-137-Inkorporationsbelastung von Forstbediensteten und einer Referenzgruppe anhand deren entgegengesetzter Ernährungsgewohnheiten miteinander verglichen.
www.gesundheitsamt-bw.de/sitecollectiondocuments/40_service_publikationen/inkorporationsmessungen_caesium_137.pdf
Der Einfluss der Ernährungsgewohnheiten ist dort ebenso beschrieben wie die gesundheitliche Bewertung.
Der Einfluss der Ernährungsgewohnheiten ist dort ebenso beschrieben wie die gesundheitliche Bewertung.
Zum vollständigen Bericht der Hochschule Ravensburg-Weingarten klicken Sie bitte hier.
Zum Bericht der Hochschule Ravensburg-Weingarten über die Zeitabhängigkeit der Cs-137-Kontamination von Wildschweinen aus dem Landkreis Ravensburg in den Jahren 1998 bis 2008 klicken Sie bitte hier.