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100 Jahre Seenforschung – Die Geschichte im Kern

Das Institut für Seenforschung (ISF) der LUBW begeht dieses Jahr sein 100-jähriges Jubiläum. Seit 1920 wird der Zustand der Seen in Baden-Württemberg erforscht. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse helfen dabei, die rund 4500 Seen zu schützen und ihre wertvollen Funktionen zu erhalten. Um das Ökosystem See besser verstehen zu können, arbeiten Fachleute aus mehreren Arbeitsgebieten zusammen und bewerten den Zustand der Seen in Baden-Württemberg: Wie entwickeln sie sich, gibt es neue Probleme? Erholen sie sich von übermäßigen Schadstoffeinträgen? Ein Fachgebiet, das mehrere Themen vereint und in die Geschichte des Gewässers schaut, ist die Sedimentologie.

Geschichte in Schichten

Die Geschichte des ISF zählt bereits 100 Jahre, die des Sediments jedoch noch viel mehr. Jahr für Jahr lagern sich Schwebstoffe aus Zuflüssen und Reste von Organismen am Seegrund ab und bilden den Sedimentkörper. Im Bodensee sind seit der Gründung des ISF ca. 30 - 40 cm Sediment in der Seemitte hinzugekommen. Vergleichbar mit Jahresringen eines Baumes oder Eiskernen, können Sedimente Aufschluss über viele unterschiedliche Einflüsse und Extremereignisse in der Geschichte eines Sees geben. Die Sedimentschichten erzählen auch von der Erfolgsgeschichte des ISF.

In der Regel wird mit einem „Fall-Lot“ ein Sedimentkern aus dem Seeboden entnommen und anschließend im Labor längsseits geteilt. So können die Ablagerungen auf vielerlei Weise beprobt werden. Schadstoffe und Schwermetalleinträge sind hier wie in einem Archiv dokumentiert. Wie der See auf erhöhte Nährstoffeinträge reagiert, lässt sich zum Beispiel mit Algenzählungen untersuchen. Wie hat sich das Vorkommen bestimmter Algen entwickelt? Welche Rückschlüsse lässt das auf den Nährstoffgehalt des Sees zu?  Bestimmte Algenarten nahmen in den 1940 und 1950er Jahren zu, da der Bodensee wie viele Gewässer durch die Verwendung phosphathaltiger Waschmittel und Düngung in der Landwirtschaft überdüngt wurde. Die damals gebildeten dunklen Schichten zeugen davon. In den 1960er Jahren wurde damit begonnen Kanalisation und Kläranlagen auszubauen, um die Nährstoffzufuhr in den See zu senken. Es dauerte aber bis in die 1990er Jahre bis die Nährstoffkonzentrationen sanken. Die heute abgelagerten hellen Sedimentschichten bezeugen die langanhaltende Erholung des Bodensees.

Auch einzelne historische Ereignisse sind erkennbar: Die Aktivität von radioaktivem Cäsium zeigt beispielsweise das Ende der atmosphärischen Kernwaffentests oder die Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl im Jahr 1986. Durch die zunehmende Industrialisierung in den 1950er und 1960er Jahren gelangten auch viele Schwermetalle wie Zink und Blei oder organische Spurenstoffe in den See. Wie bei den Nährstoffen gibt es bei den meisten chemischen Stoffen aber Entwarnung: Die Einträge der meisten Stoffe sind stark reduziert worden oder sogar nahe des natürlichen Hintergrundwertes.

Nicht zuletzt, weil das ISF den Zustand des Bodensees seit 100 Jahren untersucht und intensiv überwacht und durch die erfolgreiche Zusammenarbeit der Fachbereiche Hydrophysik und Sedimentologie, Hydrochemie und Hydrobiologie, ist der Bodensee nah an seinem natürlichen Zustand.

In der Zukunft werden die Seen, Flüsse und das Grundwasser immer wieder mit neuen problematischen Stoffen wie Mikroplastik, neu eingeschleppten Arten oder globalen Umweltproblemen wie dem Klimawandel konfrontiert. Auch in Zukunft gilt es diese neuen Bedrohungen zu untersuchen, zu verstehen und die Folgen zu bewerten, um so die Seen in Baden-Württemberg für Mensch und Natur zu erhalten.

Bild zeigt: Einzelne Hochwasserlagen in einem Sedimentkern (Markierungen auf dem Foto) können benutzt werden, um die Ablagerungen am Seeboden genau zu datieren. So kann die Umweltgeschichte des Bodensees sehr genau rekonstruiert werden. Bildnachweis: Martin Wessels / ISF

Mehr zum Thema:

  • Über die Geschichte des ISF, seine Aufgaben, Herausforderungen und Erfolge können Sie hier oder hier nachlesen.
  • Mehr über die einzelnen Fachbereiche finden Sie hier hier.
  • Jedes Jahr veröffentlicht das ISF einen Bericht zu aktuellen Untersuchungen. Eine Übersicht der Berichte und die Berichte selbst finden Sie hier.

Bildnachweis Titelbild: Wessels / ISF

Bildnachweis: TypoArt BS/shutterstock.com