Arten und Lebensräume

Fazit: Die Regionen des Schwarzwaldes mit seinen montanen Vogelarten und natürlichen Nadelwäldern, die Region Oberschwaben mit ihren Moorwäldern und die Auenwaldbiotope des Rheintals gehören in Baden-Württemberg zu den "hot spots" mit hoher Vulnerabilität.


Waldbach

Waldbiotope und deren Arten – montane Arten und wasserabhängige Wälder stark betroffen

Durch den Klimawandel besonders gefährdet sind Tierarten und Biotope mit speziellen Anforderungen an ihr Habitat bzw. die Standortseigenschaften. Vor allem montane Arten werden voraussichtlich zu den Verlierern der Klimaerwärmung gehören. Bei steigenden Temperaturen müssen sie – falls das überhaupt möglich ist - in höhere Lagen ausweichen, und damit verkleinert sich deren Lebensraum. Mehrere Waldtypen werden voraussichtlich starken Belastungen durch den Klimawandel ausgesetzt sein. Aus naturschutzfachlicher Sicht sind es vorrangig die Wald-Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie und die gefährdeten Wald-Biotoptypen der Roten Liste vorrangig, die als hoch sensitiv eingeschätzt werden. So sind beispielsweise Moorwälder und Bruch-, Sumpf- und Auwälder sowohl sehr sensitiv gegenüber dem Klimawandel als meist auch nach der Roten Liste bereits stark gefährdet. Gefährdete Wald-Biotoptypen und Wald-FFH-Lebensraumtypen sollten daher in forstlichen Planungen und Betriebszielen besonders berücksichtigt werden.
 

Jahresdurchschnittstemperaturen an den Standorten der als sensibel eingestuften Waldbiotope

Waldbiotoptyp heute 2021-2050 2071-2100
Moorwälder  -  heutiger Temperaturbereich: 5,0 - 8,3 °C
Anzahl Flächen im heutigen Temperaturbereich 557 439 5
Rückgang im Vergleich zu heute   - 21% - 99%
Bruch-, Sumpf- und Auwälder  -  heutiger Temperaturbereich: 5,6 – 10,8 °C
Anzahl Flächen im heutigen Temperaturbereich 3.771 2.833 555
Rückgang im Vergleich zu heute   - 25% - 85%
Schlucht-, Blockhalden-, Hangschuttwälder  -  heutiger Temperaturbereich: 4,6 – 10,3 °C
Anzahl Flächen im heutigen Temperaturbereich 2.862 2.714 565
Rückgang im Vergleich zu heute   - 5% - 80%
Nadelwälder  -  heutiger Temperaturbereich: 4,6 – 8,4 °C
Anzahl Flächen im heutigen Temperaturbereich 521 422 41
Rückgang im Vergleich zu heute   - 19% - 92%


Jahresdurchschnittstemperaturen an den Standorten der als sensibel eingestuften Waldbiotope sowie Anzahl der zukünftig in diesem Temperaturbereich noch vorhandenen Biotope inkl. prozentualer Rückgang im Vergleich zu heute; Modellwerte: Median (Quelle: Unseld, 2013)

Zu den stark gefährdeten Waldbiotopen zählen ebenfalls die besonders wasserabhängigen Ökosysteme: Zur Beurteilung der regionalen Unterschiede und der Dringlichkeit wurde nachfolgend der Modellierungszeitraum 2021-2050 näher betrachtet. Nach den Szenarien werden bereits im Zeitraum 2021 bis 2050 viele Moorwälder Oberschwabens außerhalb ihres derzeitigen Temperaturbereichs liegen. und wären landesweit gesehen vermutlich als erste gefährdet. Bei den Bruch-, Sumpf- und Auwäldern träfe dies auf die Waldbiotope im Oberrheingraben zu. Bei den Wäldern mit spezifischem Mikroklima wie Schlucht-, Blockhalden- und Hangschuttwälder wären es die Bestände im Oberrheingraben (Bereiche der Vorbergzone) sowie im Odenwald. Auch natürliche Nadelwälder im Neckarland, dem Schwarzwald und der Baar-Wutach-Region müssen als besonders sensibel eingestuft werden. Im Zeitraum 2071 bis 2100 werden zwischen 80 und 99 Prozent dieser klimasensiblen Waldbiotope außerhalb ihres heutigen Temperaturbereichs liegen. Beachtet werden muss, dass ein Waldbiotoptyp, das sich zukünftig außerhalb des derzeitigen Temperaturbereich befindet, nicht automatisch aufhört zu bestehen. Eventuell existiert der Biotoptyp in benachbarten Ländern in einem breiteren Temperaturbereich, der nicht von der vorliegenden Untersuchung mit erfasst werden konnte.
 

Relativer Rückgang an gesetzlich ausgewiesenen Waldbiotopen in den Wuchsgebieten des Landes

Relativer Rückgang an gesetzlich ausgewiesenen Waldbiotopen in den Wuchsgebieten des Landes (Bezugsgröße: Anzahl), die gemäß Klimaprojektion in der nahen Zukunft (2021-2050) nicht mehr in den Temperaturbereich ihres derzeitigen Vorkommens liegen würden. Wuchsgebietsweise Darstellung. (Quelle: Fachgutachten Wald, 2013 )
 

Habitatstruktur ebenso wichtig wie Klima

In Baden-Württemberg werden negative Auswirkungen des Klimawandels vor allem für montane und subalpine Arten der winterkalten Schwarzwaldhochlagen erwartet. Allerdings wird bei den meisten Einschätzungen mittels ‚Klimahüllenmodellen‘ vernachlässigt, dass Tierarten nicht nur direkt von Klimaparameter, sondern vor allem indirekt von klimabedingten Habitatstrukturen abhängig sind. Analysen zur Verbreitung und Lebensraumqualität von vier typischen Vogelarten des Gebirgswaldes Auerhuhn (Tetrao urogallus), Haselhuhn (Bonasa bonasia), Sperlingskauz (Glaucidium passerinum) und Dreizehenspecht (Picoides tridactylus) auf lokaler Ebene zeigen, dass das Klima für alle Modellarten eine bedeutende Rolle spielt, Landschaftsvariablen und Vegetationsstruktur das Artvorkommen aber ebenso gut erklären. Hierbei handelt es sich nicht nur um Baumartenanteile, sondern vor allem auch um Strukturparameter wie Lücken, Randlinien, Totholz oder vertikaler und horizontaler Aufbau der Bestände, d.h. Faktoren, die mit forstlichen Maßnahmen beeinflusst werden können. Das zeigt: auch unter Klimawandel besteht ein Spielraum für Artenförderungsprogramme.