Gesamtbewertung Vulnerabilität

Fazit: Natur und Landschaft im Land werden sich durch die Folgen des Klimawandels stark verändern, allerdings werden die Klimafolgen teilweise deutliche regionale Unterschiede aufweisen. Temperaturerhöhung und abnehmende sommerliche Niederschläge können insbesondere wasserabhängige Ökosysteme und sowie kälte liebende und montane Arten (Fließ- und Standgewässer; Moore, Feucht- und Nasswiesen, Sumpf- und Moorwälder) beeinträchtigen.

Hohe Vielfalt der Arten und Lebensräume

Baden-Württemberg ist geprägt von einer Vielzahl verschiedener Lebensräume mit unterschiedlicher naturgegebener Ausstattung und Nutzung. Auf kleinem Raum finden sich teilweise starke Höhengradienten (z.B. vom Oberrheingraben in den Schwarzwald). Aufgrund der Standortvielfalt reicht die Artenausstattung von Arten mit arktisch-alpinen bis submediterranen Verbreitungsschwerpunkten und umfasst ca. 50.000 Tier- und Pflanzenarten. Nach der Roten Liste "Biotoptypen" werden 256 Typen genannt (bzw. 281 einschließlich technischer Biotoptypen). Baden-Württemberg trägt die Verantwortung, diese hohe biologische Vielfalt auch unter sich ändernden klimatischen Bedingungen zu erhalten. Aus bundesweiter Sicht bietet Baden-Württemberg mit dem Oberrheingraben und dem Donautal wichtige Einwanderungswege für submediterran verbreitete Arten und hat daher auch eine besondere bundesweite Verantwortung für die Anpassung an den Klimawandel und die Verlagerung von Verbreitungsgebieten von Arten. Neu einwandernde Arten (Neobiota) - vom schützenswerten Zuwanderer bis zum gefährlichen Schädling und Krankheitsüberträger - erfordern dabei einen differenzierten Umgang.

Druck durch Klimawandel wird zunehmen

Der Klimawandel mit seinen Auswirkungen trifft auf eine in ihrer Anpassungsfähigkeit bereits geschwächte biologische Vielfalt, da viele Arten und Lebensräume in ihren Beständen und ihrer Verbreitung in Baden-Württemberg zurückgehen und nach den Roten Listen als gefährdet eingestuft sind (30 - 40 % der Arten und knapp die Hälfte der 281 im Land auftretenden Biotoptypen). Schon die bisherigen Veränderungen, vor allem der deutliche Temperaturanstieg der letzten Dekaden (mit einer Zunahme der Jahresmitteltemperatur um + 1,0°C) zeigen Auswirkungen in Verbreitung und Vitalität von Arten und Biotopen. Der Druck der Klimaveränderung wird weiter – ab Mitte des Jahrhunderts deutlich – zunehmen, das belegen die Daten der für das Land vorliegenden Klimaprojektionen der LUBW. Regional werden die Klimafolgen in Baden-Württemberg unterschiedlich deutlich spürbar sein. Besonders betroffen sind vor allem wasserabhängige Arten und Lebensräume und Kälte liebende und montane Arten mit räumlich begrenzten Rückzugsräumen. Langfristig sinnvoll ist daher, bei Erhaltung und Regeneration bestehender Lebensraumtypen die künftige potentielle Verbreitung (z.B. über sog. Klimahüllen) zu beachten und räumliche Schwerpunkte zu setzen.

Karten zeigen Zunahme der Vulnerabilität

Für die Gesamtbewertung der Vulnerabilität wurden Karten erstellt, die die voraussichtlichen Veränderungen der geschützten Biotope in den Naturräumen Baden-Württembergs zeigen. Nicht jede Art und jeder Biotoptyp werden im gleichen Maß von einer Veränderung der Klimaparameter betroffen sein. Vielmehr zeigt jeder Teil eines Ökosystems eine spezifische Reaktion auf veränderte Bedingungen. Die Karten wurden für zwei Betrachtungen erstellt: Klimaprojektionen mit mittleren Veränderungen (Median bzw. 50%-Perzentil, p50-Werte) und ein "worst-case"-Fall mit starken Veränderungen (85%-Perzentil, p85).

Kartenhinweis: Als Bewertungsgrundlage wurden die Klimasensitivität der Biotoptypen nach Vorgaben des Bundesamtes für Naturschutz (Petermann, 2007) und die Exposition durch Klimaveränderungen nach den Ergebnissen der Klimaprojektionen für die nahe und ferne Zukunft herangezogen. Räumliche Basis waren die Hauptnaturräume des Landes (Naturräume 3. Ordnung nach Meynen & Schmithüsen). Ausgewertet wurden die Daten des Moor-Katasters (für Karten der Moorstandorte) und der Biotopkartierung. Die jeweiligen Prozentanteile der als gering, mittel und hoch vulnerabel bewerteten Biotopfläche an der Gesamtfläche der Biotope pro Naturraum wurden als Säulendiagramm dargestellt.

 

Flächenanteile der gering- mittel- und hochvulnerablen Biotope in den Hauptnaturräumen in naher Zukunft

Karte 1: Flächenanteile der gering- mittel- und hochvulnerablen Biotope in den Hauptnaturräumen in naher Zukunft (mittleres Szenario: Median, p50-Werte)

Die Karten zeigen: In naher Zukunft (2021 – 2050) sind in allen Hauptnaturräumen die klimatischen Rahmenbedingungen so, dass die gering vulnerablen Biotope noch überwiegen. In den Naturräumen Schwarzwald, Schwäbisches Keuper-Lias-Land und Neckar- und Tauber-Gäuplatten weisen rund 30% der Biotopflächen dagegen bereits eine mittlere Vulnerabilität auf. Im Voralpinen Hügel- und Moorland oder dem Fränkischen Keuper-Lias-Land sind sogar über 50% der Biotopfläche mittel vulnerabel.

 

Flächenanteile der gering- mittel- und hochvulnerablen Biotope in den Hauptnaturräumen in ferner Zukunft

Karte 2 : Flächenanteile der gering- mittel- und hochvulnerablen Biotope in den Hauptnaturräumen in ferner Zukunft (mittleres Szenario: Medianwerte, p50-Werte)

In ferner Zukunft (2071-2100) werden stärkere Veränderungen und eine deutliche höhere Vulnerabilität der Biotope erwartet: Nur das südliche Oberrhein-Tiefland besitzt als einziger Hauptnaturraum voraussichtlich dann noch einen Restanteil an ‚gering vulnerablen‘ Biotopen. In allen anderen Hauptnaturräumen treten gering vulnerable Biotoptypen nicht mehr auf, sondern die hoch vulnerablen Biotoptypen dominieren die Flächenanteile. Besonders hohe Flächenanteile (über 80%) an hoch vulnerablen Biotoptypen treten in den Naturräumen mittleres Oberrhein-Tiefland, Schwarzwald, Voralpines Hügel- und Moorland und Donau-Iller-Lech-Platte auf. In den übrigen Naturräumen liegen die Flächenanteile stark vulnerabler Biotoptypen bei 50% bis 80%, nur im Naturraum südliches Oberrhein-Tiefland sind es mit 27% vergleichsweise geringe Flächenanteile.

Im Gegensatz zu den voran dargestellten durchschnittlichen Werten (Medianen) ist bei der Einschätzung der Vulnerabilität von Biotopen nach dem "worst-case"-Fall (den 85. Perzentilen der Klimaprojektionen, Karten 3 und 4) eine deutliche Verschärfung der Situation festzustellen.

 

Flächenanteile der gering-, mittel- und hochvulnerablen Biotope in den Hauptnaturräumen in naher Zukunft (worst case Szenario: p85-Werte)

Karte 3: Flächenanteile der gering-, mittel- und hochvulnerablen Biotope in den Hauptnaturräumen in naher Zukunft (worst case Szenario: p85-Werte)

 

Flächenanteile der gering-, mittel- und hochvulnerablen Biotope in den Hauptnaturräumen in ferner Zukunft (worst case Szenario: p85-Werte)
Karte 4: Flächenanteile der gering-, mittel- und hochvulnerablen Biotope in den Hauptnaturräumen in ferner Zukunft (worst case Szenario: p85-Werte)