Lebensräume

Fazit: Knapp die Hälfte der Biotoptypen sind in Baden-Württemberg gefährdet - schon ohne die Zusatzbelastung durch den Klimawandel. Von den "stark gefährdeten" und "gefährdeten" Biotoptypen weisen 72% (67 von 93) eine mittlere bis hohe Sensitivität gegenüber dem Klimawandel auf Feuchtgebiete und wasserabhängige Biotop- oder Lebensraumtypen wie Nasswiesen oder Niedermoore sind künftig wahrscheinlich besonders stark vom Klimawandel betroffen. Die Erhaltung ihres Arteninventars ist auf lange Sicht vermutlich unwahrscheinlich – Veränderungen müssen dort akzeptiert werden. Die Vulnerabilität von Mooren wird als hoch eingeschätzt.

 

Feldsee im Schwarzwald
Feldsee im Schwarzwald

Klimawandel als Zusatzbelastung für Biotope

Aufgrund seiner Vielfalt an einheimischen Arten und Habitaten trägt Baden-Württemberg eine besondere bundesweite Verantwortung für die Anpassung an den Klimawandel und den Erhalt dieser biologischen Vielfalt. Nach den Roten Listen Biotoptypen kommen in Baden-Württemberg insgesamt 281 Biotoptypen vor. Knapp die Hälfte davon sind gefährdet oder stehen auf der Vorwarnliste: insgesamt 93 Biotoptypen sind aufgrund von Flächenverlusten, Nutzungsaufgaben und Nutzungsintensivierungen in Gefahr, 37 (=13,2%) werden als stark gefährdet und 56 (19,9%) als gefährdet eingeordnet – schon ohne die 'Zusatzbelastung Klimawandel‘. Von diesen beiden Gefährdungsklassen weisen 72% (67 von 93 Biotoptypen) eine mittlere bis hohe Sensitivität gegenüber dem Klimawandel auf. Das bedeutet, dass sich die Gefährdungslage dieser Biotoptypen deutlich verschlechtern kann. Nur 25 Biotoptypen sind als nicht gefährdet eingestuft. Von den ungefährdeten Biotoptypen meist die Mehrzahl dagegen nur eine geringe Sensitivität gegenüber dem Klimawandel auf (83 von 111, d.h. 74,8%).

Besonders Feuchtgebiete reagieren empfindlich

Erhöhte Temperaturen, besonders die deutliche Zunahme der Sommertage und heißen Tage und damit eine höhere Verdunstung verändern künftig die klimatische Wasserbilanz (Differenz von Niederschlag zu Verdunstung). Die bislang noch positive klimatische Wasserbilanz wird sich in den Sommermonaten der kommenden Jahrzehnten gegen Null oder gar in negative Bereiche (Trockenheit) entwickeln.


Klimatische Wasserbilanz für die nahe Zukunft (2021-2050) und ferne Zukunft (2071-2100), Absolutwerte pro Monat (in mm)

Der Klimawandel wirkt sich daher verstärkt auf wasserabhängige Lebensräume und Ökosysteme aus. Fließ- und Standgewässer, Moore, Feucht- und Nasswiesen sowie verschiedene Waldlebensräume reagieren auf sommerliche Austrocknung und die Störung der Wasserbilanz besonders empfindlich.

Nasswiesen am Oberrhein geht das Wasser aus

In bestimmten Naturräumen (z. B. Oberrheingraben) werden sich die Klimabedingungen voraussichtlich sehr deutlich ändern. Die Erhaltung des bisherigen Arteninventars von wasserabhängigen Biotop- oder Lebensraumtypen wie z. B. Nasswiesen oder Niedermoore ist auf lange Sicht vermutlich unwahrscheinlich – Veränderungen müssen dort akzeptiert werden. Starke Belastungen bringt der Klimawandel für mehrere Waldtypen mit sich. Vorrangig geht es dabei um Lebensräume, die in der FFH-Richtlinie und der Roten Liste der Biotoptypen als hoch sensitiv und stark gefährdet beschrieben sind, namentlich Sumpf-, Bruch-, Moor- und Auenwälder. Von den 15 Biotophaupttypen in Baden-Württemberg gelten folgende Typen als in ferner Zukunft "hoch vulnerabel":

  • Altarme, natürliche und naturnahe Bereiche stehender Binnengewässer einschließlich ihrer Ufer - einschließlich des Bodensees - und Moorgewässer
  • Naturnahe Bruch-, Sumpf-, Auwälder
  • Naturnahe Schlucht-, Blockhalden- und Hangschuttwälder sowie regional seltene naturnahe Waldgesellschaften
  • Streuwiesen, seggen- und binsenreiche Nasswiesen
  • Strukturreiche Waldränder

Daneben wird es Lebensraumtypen geben, bei denen auch in naher (2021 bis 2050) und ferner Zukunft (2071 bis 2100) geeignete klimatische Rahmenbedingungen vorhanden sein werden (z. B. Wachholderheiden). Regionale Schwerpunkte der Vulnerabilität finden sich in den Hauptnaturräumen Schwarzwald und Voralpines Hügel- und Moorland: dort sind die meisten Biotophaupttypen hoch vulnerabel, hier dürfte die relative Veränderung gegenüber dem Ist-Zustand am stärksten ausfallen.

Klimahüllen als Zukunftsszenario

Klimahüllen (climate envelopes) bieten die Möglichkeit, die klimatischen Standortanforderungen einer Art oder eines Biotops anschaulich darzustellen. Dazu werden verschiedene klimatische Parameter der Orte gegeneinander aufgetragen, an denen die Arten oder Biotope derzeit vorkommen. Aus der Verteilung der Punkte ergibt sich der klimatische Bereich, in dem die Art oder das Biotop existieren können, die sogenannte "Klimahülle". Durch einen Vergleich der derzeitigen mit den voraussichtlich künftigen klimatischen Bedingungen lässt sich ableiten, ob dort in Zukunft die Standortvoraussetzungen für die betroffenen Arten/Biotope noch gegeben sind. Geraten Biotope außerhalb ihrer derzeitigen Klimahülle, bedeutet das nicht, dass sie überhaupt nicht mehr existieren können und damit vollständig verloren gehen. Außerhalb Baden-Württembergs (z. B. Schweiz, Frankreich, benachbarte Bundesländer) können diese Lebensräume schon jetzt unter Bedingungen vorkommen, wie sie für unsere Zukunft prognostiziert werden. Auch innerhalb von Naturräumen, die in der Klimahülle verbleiben, sind Veränderungen z.B. in der Artenzusammensetzung möglich. Im Gutachten werden beispielhafte Entwicklungen für Moorstandorte anhand ihrer Klimahüllen erläutert.

In Mooren besonders viele gefährdete Arten

Moore nehmen in Baden-Württemberg eine Gesamtfläche von 43.400 Hektar ein. Im voralpinen Hügel- und Moorland sind sie besonders großflächig vertreten (ca. 24.000 ha). Man unterscheidet nach ihrer Entstehung Niedermoore (71% der Gesamtfläche), Anmoore (21%) und Hochmoore (8%). Moortypen sind in Baden-Württemberg gefährdet oder stark gefährdet, sie werden als sensitiv gegenüber dem Klimawandel eingestuft (Petermann et al., 2007).
 

Das Eriskircher Ried ist berühmt für die Massenblüte der Sibirischen Schwertlilie Iris

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Vor allem als Folge ansteigender Temperaturen ist der Anteil klimatisch geeigneter Räume für alle Moortypen rückläufig. Besonders deutlich zeichnet sich diese Entwicklung bei den Hochmooren, aber auch bei den Nasswiesen basenreicher Standorte der montanen Lagen ab. Der Anteil an gefährdeten Arten, die in Mooren vorkommen, ist überproportional hoch. Ihr Bestand ist daher ernsthaft gefährdet. Nicht zu vergessen: Intakte Moore tragen aktiv zum Klimaschutz bei, indem sie langfristig Kohlenstoff binden (CO2-Senke). Mehr Informationen dazu finden Sie auch im Kapitel Boden unter Moorböden.

Die Karte zeigt die Risiken für Hochmoorstandorte in Baden-Württemberg auf der Basis der projizierten Klimaparameter in der nahen Zukunft (2021-2050). Ausgangslage für die Beurteilung war die Klimahülle der Moore: während im Südschwarzwald, den Hochlagen der Nordschwarzwaldes und Teilen der Donau-Iller-Lech-Platten auch künftig gute Voraussetzungen für Hochmoore bestehen dürften, sind die klimatischen Gegebenheiten für Hochmoore in 60% der heutigen Hochmoorflächen des Voralpenlandes und niedriger gelegenen Nordschwarzwaldes ungünstiger und damit die dortigen Hochmoorstandorte potentiell gefährdet.
 

 Veränderung der Standortbedingungen gemäß Klimahülle für Hochmoor-Standorte

Veränderung der Standortbedingungen gemäß Klimahülle für Hochmoor-Standorte für die nahe Zukunft 2021-2050, Bezug 50%-Perzentil; Datenquelle: Flächen nach Moor-Kataster LUBW, Stand 16.07.2012; Quelle: Gutachten Klimawandel Naturschutz, 2013

Besser sind die Aussichten für die übrigen Biotoptypen Baden-Württembergs. Flächeneinbußen müssen allerdings auch sie hinnehmen. Daneben gibt es auch Biotoptypen, die vom der Klimaänderung profitieren: Einige FFH-Waldlebensraumtypen (z.B. Atlantischer, saurer Buchenwald; Wärmeliebende Eschenwälder; Eichenwälder mit Ess-Kastanie) werden im Zuge des Klimawandels ihr Areal von Westeuropa nach Deutschland ausdehnen.


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