Neobiota

Jedes Tier und jede Pflanze bewohnt einen speziellen Lebensraum (Biotop). Wenn sich dort die Lebensbedingungen ändern, z. B. durch den Klimawandel, müssen sich die Arten entweder anpassen, oder sie wandern ab oder sterben aus. In den letzten Jahrzehnten sind begünstigt durch den Klimawandel sowie weltweite Handelsbeziehungen und die damit verbundenen Transportströme vermehrt Neobiota (Einwanderer) bei uns zu finden. Der Begriff "Neobiota" fasst ursprünglich gebietsfremde Pflanzen- und Tierarten (Neophyten und Neozoen) zusammen, die der Mensch nach 1492 absichtlich oder unabsichtlich in die heimische Flora und Fauna eingebracht hat. Dabei sind besonders der Oberrheingraben und die Donau Einwanderwege für wärmeliebende, nicht heimische Arten.
 

Ambrosia artemisiifolia auf dem Vormarsch in Baden-Württemberg Die Asiatische Tigermücke (Stegomyia albopicta)
Neobiota in Baden-Württemberg: Ambrosia artemisiifolia (liks),
die Asiatische Tigermücke (Stegomyia albopicta
) kann Krankheiten übertragen (rechts)
 

Flora und Fauna haben sich zwar schon in der Vergangenheit durch Zuwanderung neuer Arten verändert, doch mit dem Klimawandel verlagern sich Klimazonen in Europa nach Norden bzw. in höhere Lagen - dieser Prozess hat sich rasant beschleunigt. Pflanzen und Tiere, die bislang nicht in Baden-Württemberg oder nur in warmen Lagen vorkommen, finden künftig im Land neue und dauerhafte Lebensräume. Die Folgen: neue Arten können zuvor heimische Arten verdrängen, es können aber auch neue schützenswerte Arten einwandern, für die das Land dann eine Schutzverantwortung trägt. Durch den Klimawandel wird die Ausbreitung Wärme liebender Arten stark begünstigt.

Gesundheitliche Risiken

Problematisch sind invasive Arten wie beispielsweise das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia), ein 1877 aus Nordamerika nach Baden-Württemberg eingeschleppter Korbblütler mit hohem allergischem Potenzial. Er wurde ursprünglich durch verunreinigte Saatgutlieferungen für Getreide- und Grünfutter aus Nordamerika eingeschleppt. In den letzten 20 Jahren hat sich die Beifuß-Ambrosie über die Beimischung der Samen in Vogelfutter u.a. aus Ungarn, Rumänien und Kroatien und durch verunreinigten Kompost und Erden verbreitet. Die durch den Klimawandel bedingte längere Vegetationsperiode fördert die Verbreitung der Pflanze. In Deutschland sind bereits 15,7% der Bevölkerung gegenüber Ambrosiapollen anfällig. Da die Pflanze erst spät im Jahr bis zum Frostbeginn blüht, kann sich die Leidenszeit für Allergiker erheblich verlängern. In Norditalien hat sich die Pflanze in den letzten 20 Jahren rasch ausgebreitet und ist inzwischen einer der Hauptauslöser für inhalative Pollenallergien. Ähnliches steht für Baden-Württemberg zu befürchten. Um die Ausbreitung zu verhindern, werden deshalb bekannte Bestände beseitigt. Wenn Sie ein Vorkommen der Beifuß-Ambrosie entdecken, können Sie es z.B. über die Smartphone-App "Meine Umwelt" der Ambrosia-Meldestelle der LUBW melden (E-Mail: ambrosia@lubw.bwl.de).

Aus der Tierwelt können besonders Arten gefährlich werden, die als Krankheitsüberträger (Vektoren) wirken wie die aus Süd- und Südostasien stammende Asiatische Tigermücke (Stegomyia albopicta). Sie kann Krankheiten wie Chikungunya- und Denguefieber auf den Menschen übertragen. Die Eigenheit, Wirte verschiedener Arten zu stechen (Mensch, Säugetiere und Vögel), macht sie zudem zu einem möglichen Brückenvektor, der Krankheitserregern wie zum Beispiel dem West-Nil-Virus das Überspringen von Artgrenzen ermöglicht.

Neobiota als Klima-Gewinner

Es gibt beim Klimawandel und seinen Folgen Gewinner und Verlierer. Insgesamt gehen Experten davon aus, dass bei einem moderaten Temperaturanstieg von bis zu 1 Grad in Mitteleuropa die Artenvielfalt zunimmt. Steigt die Erwärmung stärker an, wird in der Summe eher ein Artenverlust erwartet, weil die Anpassungsprozesse nicht mit dem Tempo der Klimaveränderung mithalten können. Nicht alle Wärme liebenden Einwanderer stellen eine potentielle Gefahr dar: Als Folge des Klimawandels können neue, schutzwürdige Arten nach Baden-Württemberg gelangen bzw. sich verbreiten. So kann sich Gottesanbeterin (Mantis religiosa), die früher vor allem im Kaiserstuhl zu finden war, im Land weiter ausbreiten. Zahlreiche neuere Fundmeldungen auch außerhalb Baden-Württembergs beweisen, dass Mantis religiosa etwa seit Anfang der 1990er Jahre ihr Verbreitungsareal in Mitteleuropa deutlich vergrößert hat und auch weiterhin in allmählicher Ausbreitung begriffen ist. Ungünstiger werden die Lebensbedingungen dagegen künftig für die montanen Arten der Mittelgebirge und für Arten in feuchten und wasserabhängigen Lebensräumen (Moore, Auwälder und andere Feuchtgebiete). Abzuwarten bleibt, ob der Artenverlust durch die Zuwanderer aus dem Süden ausgeglichen werden kann. Nur eine differenzierte Betrachtung wird den unterschiedlichen Aspekten neu einwandernder Arten gerecht. Er ist daher dringend erforderlich, die Neobiota in das naturschutzfachliche Informationswesen einzubeziehen.