Standort und Baumwachstum

Fazit: In der Vergangenheit konnten sich die Waldökosysteme an veränderte Umweltbedingungen und menschliche Einflüsse hinreichend anpassen. Experten gehen jedoch davon aus, dass die Wälder in Zukunft auf das Tempo und Ausmaß des Klimawandels nicht mehr schnell genug reagieren können. Es ist deshalb künftig damit zu rechnen, dass der Wald seine Schutz- und Nutzfunktionen nicht mehr in ausreichendem Maße erfüllen kann. Aufgrund der langen Vorlaufzeiten sind heute schon Anpassungsmaßnahmen zum klimagerechten Waldbau mit einer klimaangepassten Baumartenwahl und Bestandspflege notwendig.

 

Mischwald bei Emmendingen
Mischwald bei Emmendingen

Der Klimawandel verändert – vor allem über die ausschlaggebenden Klimafaktoren Temperatur und Niederschlag - die Standortbedingungen für die verschiedenen Baumarten im Wald, aber auch für Schaderreger und Schädlinge. Damit beeinflussen klimatische Bedingungen auch das Spektrum der Baumarten, das quantitative Baumwachstum und damit die Holzproduktion. Unsere einheimischen Baumarten können mit den bereits seit Jahren beobachteten und den künftig projizierten Temperaturanstiegen nicht auf Dauer Schritt halten. Jede Erhöhung der Jahresdurchschnitts-temperaturen um 1°C bedeutet biogeographisch eine Verschiebung der Vegetationszonen um etwa 150 bis 300 km in nördlicher Richtung bzw. um 200 Höhenmeter in vertikaler Richtung. Die natürliche ‚Wanderungsgeschwindigkeit‘ von Baumarten wird auch bei Windverbreitung auf nur fünf Kilometer pro Jahrzehnt geschätzt. Damit könnten Waldbäume in ihrem heutigen Verbreitungsgebiet zunehmend ihre seit Jahrtausenden bewährte Anpassung verlieren.

Längere Vegetationsperiode fördert Baumwachstum nur begrenzt

Die Erhöhung der Jahresmitteltemperatur verlängert die Wachstumszeiten: In Deutschland hat sich insbesondere für Laubholzarten die Vegetationszeit zwischen den Jahren 1951 und 2000 um mehr als 10 Tage verlängert. Dieser Trend scheint sich seit dem Jahr 2000 weiter zu beschleunigen. Eine Verlängerung der Vegetationsperiode in Baden-Württemberg um rund 19 Tage in naher Zukunft (2021-2050) und um rund 47 Tage in ferner Zukunft (2071-2100) sowie die Reduktion von Frosttagen können sich generell positiv auf das Baumwachstum und damit den Holzzuwachs auswirken, solange die Wasserversorgung gesichert ist.

Trockenzeiten schaden langfristig

Schon kurzfristige Trockenphasen können längerfristig zu Zuwachsverlusten führen. Bei der Fichte ging der Radialzuwachs in den meisten Teilen Baden-Württembergs in dem Trockenjahr 2003 um etwa die Hälfte oder mehr zurück. Kronenschäden waren auch in den folgenden Jahren bei Fichte und Buche in deutlich stärkerem Umfang als vor 2003 zu beobachten (siehe Abb.).

Kronenschäden bei der Fichte 1985-1994
Kronenschäden bei der Fichte 1985-1994 (Quelle: FVA)

Kronenschäden bei der Fichte 2005-2012

Kronenschäden bei der Fichte 2005-2012 (Quelle: FVA)
 

Potenzielle Anbauflächen in der Zukunft

Mit den Klimaveränderungen verändern sich die Wuchsbedingungen unserer Hauptbaumarten. Nach den derzeitigen Klimamodellen kann die Fichte bis zum Zeitraum 2020 bis 2029 noch gut in submontanen und montanen Lagen wachsen. Doch in fernerer Zukunft (2050 bis 2059) schrumpfen die Anbaugebiete der Fichte in großem Umfang, und der Anbau würde sich dann auf die Hochlagen des Schwarzwaldes, der Schwäbischen Alb und dem südöstlichen Oberschwaben beschränken. Auch dort kann es auf trockenen Standorten jedoch zu verminderten Zuwächsen kommen.
 

Mögliche Entwicklung der potenziellen Anbaufläche bei der Fichte

Mögliche Entwicklung der potenziellen Anbaufläche (grün) bei
der Fichte gemäß den Wuchsszenarien der FVA für die Jahre
2020-2029 und 2050-2059.

Buchen und Eichen könnten dagegen mittel- und langfristig nahezu überall angebaut werden. Allerdings wird der Oberrheingraben voraussichtlich für alle drei Baumarten im Zeitraum 2080 bis 2089 ein Problemgebiet: Dort reduzieren sich für Fichten, Buchen und Eichen die geeigneten Flächen, so dass hier langfristig der Anbau alternativer Baumarten ins Auge gefasst werden muss.
 

Einschätzung der Zuwachsentwicklung bis zum Jahr 2070 (Oberhöhenbonität) bei den Hauptbaumarten Baden Württembergs
Einschätzung der Zuwachsentwicklung bis zum Jahr 2070 (Oberhöhenbonität) bei den Hauptbaumarten Baden Württembergs nach Modellergebnissen von NOTHDURFT et al. (2013)

Im Gegensatz zur Fichte werden die Zuwächse der Buche nicht nur in den Hochlagen der Mittelgebirge, sondern auch in den tiefer gelegenen Mittelgebirgslagen ansteigen. Im warmen Oberrheingraben und im Neckarland können die Zuwächse bei der Buche – und abgeschwächt bei der Eiche – dagegen in der fernen Zukunft sogar sinken, weil sie empfindlich gegenüber Trockenstress ist. Bei Tanne und Eiche ist auf größeren Flächen der niedriger gelegenen Regionen und der Mittelgebirge mit einem Anstieg der Bonitäten zu rechnen, die Schätzungen für die warmen Gebiete zeigen auch hier geringere Zuwächse (siehe Abbildungen).


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