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30 Jahre Altlastenbearbeitung in Baden-Württemberg

Altlasten: Kehrseite des industriellen Fortschrittes der letzten 100 Jahre

Löwe 12.07.2017

Gemeinsame Pressemitteilung der LUBW Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg und des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg

Altlasten sind die Kehrseite des enormen technischen und industriellen Fortschrittes der letzten 100 Jahre. Der allzu sorglose Umgang mit Chemikalien und Abfällen führte zu zahlreichen Verunreinigungen des Untergrunds. Die langfristige Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt wurde lange nicht ernst genommen.

Baden-Württemberg begann als eines der ersten Bundesländer, die Altlastenfälle systematisch zu erfassen, zu untersuchen und zu sanieren. Das Jahr 1987 markiert den Beginn der aktiven Altlastenbearbeitung in Baden-Württemberg. Am heutigen Mittwoch trafen sich rund 150 Fachleute auf Einladung der LUBW Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg und des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in der Geschäftsstelle der IHK Karlsruhe. Sie bilanzierten das bisher Erreichte und richteten den Blick auf zukünftige Aufgaben.

 

Ursachen der Altlasten

Burkhard Schneider, stellvertretender Präsident der LUBW und Leiter der Abteilung „Wasser“ erinnerte in seiner Rede an den unverantwortlichen Umgang mit Abfällen in den vorausgegangenen Jahrzehnten: „Noch in den sechziger Jahren wusste man weder was eine Altlast ist, geschweige denn wie man damit umzugehen hat. Erste Umweltprobleme wurden nicht nur durch das Einleiten von Abwässern in die Fließgewässer sichtbar, sondern auch durch das Abkippen oder das Lagern fester Abfälle in Gewässernähe. Das alljährliche Hochwasser wurde gerne für einen ‚Großputz‘ in Anspruch genommen.“ Entsprechend groß war die Herausforderung, Altlastenfälle zu finden und einzuordnen.

 

Stand nach 30 Jahren Altlastensanierung

Innerhalb der letzten 30 Jahre wurden bereits viele Flächen erfolgreich saniert. Die Experten gehen davon aus, dass für die weitgehende Beseitigung aller Altlasten in Baden-Württemberg allerdings noch mindestens weitere 20 Jahre benötigt werden. Insgesamt wurden innerhalb der letzten 30 Jahre mehr als 100.000 Flächen durch die Bodenschutz- und Altlastenbehörden in Baden-Württemberg erfasst. Davon konnten 41 % ohne Altlastenverdacht aus der weiteren Bearbeitung ausgegliedert werden. Bei weiteren 41 % besteht kein unmittelbarer Handlungsbedarf. Rund 18.000 Flächen sind derzeit als „altlastverdächtig“ oder als „Altlasten“ eingestuft. Landesweit wurden in Baden-Württemberg bis heute mehr als 3.600 Flächen saniert.

 

2017 fördert das Land die kommunale Altlastensanierung mit 14 Millionen Euro

Andre Baumann, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg, bestätigte auf der heutigen Konferenz, dass das Land in diesem wie in den letzten Jahren die Altlastensanierung mit rund 14 Millionen Euro fördert. „Wir unterstützen die Kommunen bestmöglich, denn Altlastensanierungen können manche Städte und Gemeinden finanziell überfordern“, so Baumann. „Die Erfassung, Untersuchung und Sanierung von Altlasten sind oft sehr teuer und sehr aufwändig. Das Geld ist gut angelegt, weil von den Sünden der Vergangenheit erhebliche Gefahren für Mensch und Umwelt ausgehen können. Böden vergessen nichts.“

Wie wichtig die finanzielle Beteiligung des Landes für viele Projekte ist, zeigte er am aktuellen Beispiel des Schoch-Areals in Stuttgart. Das Sanierungsprojekt zählt zu den größten und teuersten des Landes. Nach mehr als 80 Jahren industrieller Nutzung lag das Gelände brach. Metallveredelung mit galvanotechnischen Verfahren hatten große Schadstoffbelastungen im Untergrund hinterlassen. Die etwa 2,8 Hektar große Fläche liegt in zentraler Lage zwischen dem Bahnhof Feuerbach und dem Stadtbezirkszentrum an der Stuttgarter Straße. „Aus der mit Schadstoffen belasteten Industriebrache wird ein lebenswertes Stadtviertel. Das ist gut, aber auch teuer: Die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich auf rund 20 Millionen Euro“, sagte Baumann. „Im Umweltschutz müssen wir die Zukunft im Blick haben, aber auch die Vergangenheit. Die Altlastenbearbeitung gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Umweltschutzes. Böden und Grundwasser werden geschützt und sanierte Brachen werden Wohn- und Gewerbegebiete. Dies reduziert den Flächenhunger vieler Kommunen deutlich.“

 

Altlastenhandbuch systematisiert die Aufarbeitung der Altlastenfälle

An die unübersichtliche Ausgangslage Mitte der 1980er Jahre erinnert Peter Fuhrmann, Ministerialdirigent des Umweltministeriums. Der Abteilungsleiter für „Wasser und Boden“ begleitet seit 30 Jahren die Beseitigung der Altlasten in Baden-Württemberg. Für die Aufarbeitung der Altlastenfälle wurde das Institut für Altlastensanierung gegründet und im März 1987 im Haus der damaligen Landesanstalt für Umweltschutz (LfU), der Vorgängerin der heutigen LUBW, angesiedelt. Peter Fuhrmann wurde damals zum Leiter des Referats Altlastenbewertung bestellt. Das Institut verfügte über vier Referate mit rund 30 Mitarbeitern und unterstützte von diesem Zeitpunkt an die örtlichen Behörden bei dieser Herausforderung.

Eine zentrale Aufgabe war seinerzeit die Erarbeitung des Altlastenhandbuchs Baden-Württemberg. „Im Juni 1987 wurde das Altlastenhandbuch der bundesweiten Fachöffentlichkeit hier in Karlsruhe vorgestellt“, erinnert Fuhrmann. „Bemerkenswert war und ist die enge Verzahnung von aufeinanderfolgenden Bearbeitungs- und Untersuchungsschritten und die jeweils dazwischengeschaltete Bewertung sowie die darauf basierende Priorisierung. Mithilfe der im Handbuch beschriebenen Systematisierung wurden die 44 Stadt- und Landkreise in die Lage versetzt, unauffällige Flächen frühzeitig aus dem Verfahren auszugliedern, um bei den wichtigeren Fällen schneller voranzukommen. Mit dem Verfahren lag erstmals auch eine Methode zur einheitlichen Dokumentation in der Altlastenbearbeitung vor.“

Die baden-württembergische Vorgehensweise fand national und international große Beachtung. Österreich und die Schweiz übernahmen das stufenweise Konzept und auch weitere deutsche Bundesländer orientierten sich daran. Wesentliche Teile des baden-württembergischen Bearbeitungssystems fanden Ende der 1990er Jahre Eingang in die Bundes-Bodenschutzgesetzgebung.

In den ersten Jahren wurden anhand von neun Modellstandorten erste Erfahrungen mit der Altlastensanierung gesammelt. Das Institut wertete auch Forschungsergebnisse und die Erfahrungen anderer Bundesländer aus. Im nächsten Schritt wurden diese Erfahrungen weitergegeben in Form von Berichten und Schulungen für andere Behördenmitarbeiter im Land sowie Ingenieurbüros.

 

Fördermittel der letzten 30 Jahre: 800 Millionen Euro

Die Aufarbeitung der Hinterlassenschaften aus der Industriegeschichte ist kostenintensiv. Das Land hat seit 1988 knapp 800 Millionen Euro an Fördermitteln für die Beseitigung kommunaler Altlasten ausgegeben. Bei einem Fördersatz von durchschnittlich 75 Prozent wurde entsprechend deutlich mehr als 1 Milliarde Euro in die Aufarbeitung der Altlasten investiert. Werden noch die Aufwendungen der Kommunen und die der sanierungspflichtigen Privatpersonen und Firmen hinzuaddiert, wurde bisher ein Mehrfaches der genannten Zahl für die Altlastenbearbeitung in Baden-Württemberg eingesetzt.

 

Ausblick

Das Thema der Altlasten wird noch viele Jahre eine wichtige Rolle in der Umweltpolitik des Landes einnehmen. Alte Schadensfälle sind noch nicht abgearbeitet, neue kommen hinzu. Ein prominentes Beispiel hierfür sind die im letzten Jahr bekannt gewordenen PFC-Schadensfälle in den Regionen Rastatt/Baden-Baden und Mannheim.

 

Weiterführende Informationen

Altlasten: Chancen und Risiken, Eine Information für Grundstückseigentümer und solche, die es werden wollen, 2017, Herausgeber: LUBW, 11 Seiten.
PDF-Datei zum Herunterladen unter: http://www4.lubw.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/19495/

Altlastenstatistik 2016, Zahlen und Fakten zum Stand der Altlastenbearbeitung in Baden-Württemberg, 2017, Herausgeber: LUBW, 35 Seiten.
PDF-Datei zum Herunterladen unter: http://www4.lubw.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/269274/

 

 

Rückfragen
Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Pressestelle der LUBW. Telefon: +49(0)721/5600-1387 E-Mail: pressestelle@lubw.bwl.de