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Bauchige Windelschnecke - Vertigo moulinsiana (Dupuy, 1849)

 

Die Bauchige Windelschnecke, Weichtier des Jahres 2003, ist mit Gehäusemaßen von bis zu 2,7 mm Höhe und 1,5 mm Breite die größte Windelschnecke Mitteleuropas. Das Gehäuse besitzt eine  gelblich bis rötlich-braune Färbung sowie eine stark glänzende Oberfläche. Es weist fünf bauchige Umgänge auf, von denen das letzte stark erweitert ist und fast 2/3 der Gehäusehöhe ausmacht. In der Gehäuseöffnung, in der Mündung, befinden sich 4-5 Vorsprünge Zähne, die ein Eindringen von Fressfeinden (z. B. räuberische Insektenlarven) und Parasiten der Schnecke verhindern sollen.

 

Gehäuselänge: 2,2-2,7 mm
Gehäusebreite: 1,5 mm
Lebensdauer: 1-2 Jahre

 

Die Bauchige Windelschnecke besiedelt kalkreiche Moore und Sümpfe. Aktuelle Funde stammen aus Schilfröhrichten, Großseggenrieden und Pfeifengraswiesen. Die Art erträgt ein gewisses Maß an Beschattung und kommt in geringer Dichte auch an Feuchtwaldstandorten bzw. in Feuchtstandorten innerhalb des Waldes vor.

 

Die Bauchige Windelschnecke ist nachtaktiv und hält sich tagsüber mit Hilfe ihres klebrigen Schleims an den Blättern größerer Seggen oder an Schilf in 30-100 cm über dem Boden auf. V. moulinsiana ernährt sich von speziellen Pilzen, die auf den Gräsern schmarotzen. Nur zur Überwinterung wird die Streuschicht aufgesucht. Die Tiere sind Zwitter, können sich aber auch selbst befruchten. Die Fortpflanzungszeit reicht von Mai bis August, unter günstigen Bedingungen bis in den Herbst hinein. Die jungen Schnecken erreichen innerhalb eines Jahres die Fortpflanzungsfähigkeit. Die Eier oder Jungtiere der Schnecke können durch das Gefieder von Wasservögeln über einige Kilometer in neue, geeignete Lebensräume transportiert werden. Unter guten Bedingungen können Individuendichten von bis zu 500-600 Tieren/m² auftreten.

 

Gesamtverbreitung

Das Verbreitungsgebiet der Bauchigen Windelschnecke erstreckt sich von den Britischen Inseln und Frankreich im Westen über Südskandinavien und Mitteleuropa bis nach Transkaukasien im Südosten. Das Areal reicht im Süden  bis in den Mittelmeerraum, die genaue Arealgrenze in dieser Region ist aber derzeit unklar. Der Schwerpunkt der Verbreitung in Deutschland liegt eindeutig im Nordosten, vor allem Mecklenburg-Vorpommern, Nordbrandenburg, Berlin und das östliche Schleswig-Holstein sind besiedelt. In Deutschland kommt die Art stellenweise häufig in Mecklenburg-Vorpommern sowie sehr zerstreut in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Hessen Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern vor. Die zersplitterten Vorkommen der Art in Deutschland sind als Relikte einer vormals weiten Verbreitung in der nacheizeitlichen Wärmeperiode zu interpretieren. 

Verbreitung in Baden-Württemberg
In Baden-Württemberg liegen die Verbreitungsschwerpunkte in der Oberrheinebene, im Hegau und im voralpinen Hügel- und Moorland (Bodensee).

Bestandsentwicklung in Baden-Württemberg
Die meisten Vorkommen wurden erst in den letzten sechs Jahren durch systematische Erhebungen in potenziell geeigneten Lebensräumen entdeckt, weshalb Aussagen zur Bestandsentwicklung nur sehr eingeschränkt möglich sind. Im Rahmen des FFH-Monitorings wurde in drei von vier untersuchten Gebieten ein Populationsrückgang beobachtet, dem aber natürliche Populationsschwankungen zugrunde liegen können.

Rote Liste Schutzstatus Verordnungen und Richtlinien
BW D BNatSchG EG-VO 338/97
Anhang
FFH-Richtlinie
Anhang
BArtSchV
2
stark gefährdet
2
stark gefährdet
- - - II - - - -

 

Gefährdungsursachen

  • Beseitigung oder Reduzierung senkrechter Pflanzenstängel und deren Blätter (Aufenthaltsorte der Schnecken) durch intensive Beweidung oder Mahd im Zeitraum zwischen Frühjahr und Herbst
  • Trockenlegung

Schutzmaßnahmen
  • Streuwiesennutzung alle 1 oder 2 Jahre
  • Aufrechterhaltung eines hohen Wasserstandes
  • ggf. Entfernen von Gehölzaufwuchs
  • Einrichtung von Pufferzonen zur Verhinderung von Nähr- und Schadstoffeinträgen
  • Wiedereinführung der traditionellen Streu- und Feuchtwiesennutzung
  • Renaturierung des Wasserhaushalts

Schutzprojekte
  • Umsetzung der FFH-Richtlinie
  • Art des Zielartenkonzepts Baden-Württemberg

Die FFH-Richtlinie ist eine Naturschutz-Richtlinie der EU, deren Namen sich von Fauna (= Tiere), Flora (= Pflanzen) und Habitat (= Lebensraum) ableitet. Wesentliches Ziel dieser Richtlinie ist die Erhaltung der Biologischen Vielfalt durch den Aufbau eines Schutzgebietssystems. Neben der Ausweisung von Schutzgebieten (FFH-Gebieten) für Arten des Anhangs II wird auch der Erhaltungszustand dieser und der Arten des Anhangs IV und V überwacht.

FFH-Gebiete

Eine Karte der FFH-Gebiete mit Vorkommen der Bauchigen Windelschnecke und weitere Informationen zu den Gebieten erhalten Sie im Daten- und Kartendienst der LUBW

Erhaltungszustand

  Verbreitungsgebiet Population Habitat Zukunftsaussichten
Einzelbewertung günstig günstig günstig günstig
Gesamtbewertung günstig

Stand: 2019

Erhaltungszustand aller FFH-Arten in Baden-Württemberg (pdf; 0,3 MB) 

Beeinträchtigung, Erhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen (pdf; 2,0 MB)

Zusammenfassung (pdf)